Der Eindruck, dass es bei der Vermittlung von osteuropäischen „24-Stunden-Pflegekräften“ immer häufiger zu Personalengpässen kommt, ist nicht mehr von der Hand zu weisen. Dies hat unterschiedliche Gründe, und der in Gang gekommene Prozess wird sich kaum mehr umkehren. Entscheidend ist hierbei weniger ein plötzlicher Mangel an Menschen, sondern vielmehr eine Veränderung der Rahmenbedingungen, dem dieses Modell unterliegt.
So führt die positive Wirtschaftsentwicklung in vielen osteuropäischen Ländern zu steigenden Löhnen und stabileren Arbeitsmärkten – mit der Folge, dass weniger Menschen bereit sind, im Ausland unter vergleichsweise belastenden Bedingungen zu arbeiten. Gleichzeitig werden die Umstände in der häuslichen Betreuung kritischer bewertet, d.h., immer mehr potentielle Arbeitskräfte fühlen sich durch lange Arbeitszeiten, die Herausforderungen einer Eins-zu-Eins-Versorgungssituation und die soziale Isolation abgeschreckt.
Arbeitnehmermarkt
Ein weiterer Aspekt ist die Konkurrenzsituation, die sich auf ganz unterschiedliche Weise auswirkt. Zum einen ist Deutschland längst nicht mehr der einzige attraktive Zielmarkt; andere Länder bieten teilweise deutlich bessere Konditionen. Gleichzeitig konkurrieren mittlerweile viele Anbieter in Deutschland und anderen Ländern um dieselben Arbeitskräfte. Und auch wenn die Konkurrenz der Vermittlungsagenturen glauben macht, dass sie das Modell stabilisiert oder sogar günstiger macht, ist der tatsächliche Effekt sehr viel widersprüchlicher: Sie hält das System zwar am Laufen, verschärft aber zugleich einige seiner strukturellen Probleme.
Strukturelle Schwierigkeiten
Im Wettwerb um die Betreuungskräfte etwa werden immer höhere Löhne gezahlt, um ausreichend Personal rekrutieren zu können. Der höhere Verdienst hat dann nicht zuletzt zur Folge, dass die Einsatzzeiten der Betreuungskräfte immer weiter verkürzt werden, dass sich die Betreuungskräfte im Vergleich zu früher also häufiger Auszeiten „leisten“ können. Und diese Auszeiten fallen schließlich überwiegend in die gleichen Zeiträume. Hierzu zählen mittlerweile Weihnachten, der Jahreswechsel, Ostern, die Kommunionszeit und die Sommerzeit von Anfang Juni bis Ende August. So entsteht ein „Teufelskreislauf“, der nur schwer zu durchbrechen ist. Und vor diesem Hintergrund ist es sehr wahrscheinlich, dass sich die Preisspirale fortsetzen wird.
Ein anderer Grund für die Abnahme an verfügbarem Personal ist darüber hinaus die demografische Entwicklung: Die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland steigt deutlich schneller als das theoretisch einsetzbare Arbeitskräftepotenzial. Selbst wenn die absolute Zahl an Betreuungskräften stabil bliebe, werden die Zeiten mit Personalengpässen also weiter zunehmen.